Der Tag, an dem ich Ostern rettete
Es war einmal, an einem sonnigen Ostersamstag, als ich – ganz heldenhaft wie immer – durch die Gegend spazierte. Ich hatte mir vorgenommen, endlich mal ein ruhiges Osterwochenende zu haben. Ohne Drama. Ohne Stress.
Doch dann kam alles anders.
Als ich an einem Felsen vorbeiging, irgendwo in der Nähe von Golgatha, da hörte ich es: ein leises Schluchzen und ein Schniefen. Auf dem Weg in die Höhle steige ich über Berge von in Tränen getränkten Tüchern. Ich sehe eine Gestalt – einen Mann. Jogginghose. Haare wie ein explodiertes Sofa. Er trägt ein dreckiges, weißes Gewand. In der Hand: ein halbleerer Becher Traubensaft (vermute ich).Er dreht sich zu mir um und ruft:„Verschwinde! Ich möchte allein sein!“
Ich setze mich dennoch zu ihm und frage:„Was machst du hier so alleine?“Er sieht mich mit dunklen Augenringen an und sagt:„Ich kann nicht mehr. Ich bin durch. Kreuzigung war ’n bisschen viel. Und dann noch diese ganzen Leute mit ihren Problemen … Jesus, mein Name.“
Ich nicke verständnisvoll.„Ich heiße Alex. Und was du brauchst, ist ein wenig Motivation.“
Ich hole meinen Walkman raus und drücke auf Play.Es knistert kurz in den alten Kopfhörern, dann schallt „Ain’t No Mountain High Enough“ durch die Höhle.
Jesus blinzelt. Erst skeptisch. Dann … ein kurzes Zucken im rechten Mundwinkel.Ich schiebe ihm einen der Kopfhörer zu. Er nimmt ihn – zögernd.
„Ich hab seit der Wüste nichts Vernünftiges mehr gehört“, murmelt er.
Ein paar Sekunden Stille, dann fängt er an, ganz leicht mit dem Fuß zu wippen.Ich lehne mich zurück und sage:
„Weißt du, das Leben ist manchmal wie eine Karfreitagsprozession: ewig lang, anstrengend, und du schleppst was mit dir rum, das eigentlich viel zu schwer ist. Aber irgendwann kommt der Sonntag. Und da scheint wieder die Sonne.“
Jesus sieht mich nachdenklich an.„Ich hab halt das Gefühl, dass ich alle retten muss. Immer. Und manchmal … fühl ich mich einfach leer.“
Ich nicke.„Du musst nicht immer stark sein. Du darfst auch mal liegen bleiben – solange du irgendwann wieder aufstehst.“
Er lächelt. Ein echtes Lächeln diesmal.„Weißt du, das hat mir noch keiner so gesagt.“
Ich klopfe ihm auf die Schulter.„Jetzt mal ehrlich – wenn du die Auferstehung nicht rockst: wer dann?“
Jesus steht langsam auf. Er streckt sich, reibt sich die Augen.„Vielleicht … vielleicht ist heute ein guter Tag für ein Wunder.“
Wir legen die Arme umeinander, wanken fast im Takt durch die letzten Sonnenstrahlen – raus aus der Höhle, rein ins Leben.
„Ain’t no mountain high enough … ain’t no valley low enough …“Jesus und Alex sind bis heute gut befreundet.
Sie treffen sich regelmäßig zum Quatschen, Wandern und gelegentlich zum Karaoke.
Ihr gemeinsames Lieblingslied ist nach wie vor: „Ain’t No Mountain High Enough“.Alex war Ehrengast auf Jesu Hochzeit – die übrigens eine entspannte Gartenparty mit Barfußtanzen, Hummus-Buffet und Livemusik war.
Er hielt eine emotionale Rede.
Dann trank er zu viel Messwein, fiel in den Pool (obwohl es keinen gab) und sang viermal nacheinander My Heart Will Go On.
Jesus vergab ihm sofort.Später half Alex Jesus beim Aufbau eines kleinen Start-ups für Lebensberatung („Wunderwerke & Weitblick“) – mit durchwachsenem Erfolg, aber sehr guten Google-Bewertungen.Einmal im Jahr fahren sie zusammen für ein verlängertes Wochenende nach Sylt.
Sie sprechen wenig, lachen viel – und essen zu viele Fischbrötchen.